[GBay] Tagungsbericht: Landesgeschichte im 21. Jahrhundert

Ellen Latzin latzin at bsb-muenchen.de
Mo Jan 9 10:43:43 CET 2006


Sehr geehrte Listenteilnehmer, 
die Redaktion moechte Sie auf folgenden Tagungsbericht der Universitaet
Mainz ueber die Perspektiven der Landesgeschichte  im 21. Jahrhundert
hinweisen, der urspruenglich ueber HSozKult verschickt wurde:

Abteilung fuer Mittlere und Neuere Geschichte und Vergleichende
Landesgeschichte am Historischen Seminar der Universitaet Mainz;
Institut
fuer Geschichtliche Landeskunde an der Universitaet Mainz
29.09.2005-30.09.2005, Mainz

Bericht von:
Anna Sauerbrey, Abt. Mittlere und Neuere Geschichte und Vergleichende
Landesgeschichte, Johannes Gutenberg-Universitaet Mainz
E-Mail: <sauerbr at uni-mainz.de>

Angesichts der Tatsache, dass die Landesgeschichte ueberall in
Deutschland institutionell auf dem Rueckzug ist, hatten es sich die
Veranstalter der Tagung zum Ziel gesetzt, die Zukunft des Faches zu
diskutieren, seine weiterfuehrenden methodischen Konzepte
herauszustellen
und zu zeigen, wo die Landesgeschichte Ansaetze und Methoden bereit
haelt,
die der modernen Kultur-, Politik- und Sozialgeschichte neue Zugriffe
und Erkenntnisse ermoeglichen.

Sigrid Schmitt (Mainz) wies in ihrer Einleitung auf die intensive
Diskussion auf dem Kieler Historikertag hin, an die die Tagung bewusst
anknuepfen wolle. Gleichzeitig liege mit dem gerade erschienenen Aufsatz
von Matthias Werner [1] eine ausgezeichnete Bestandsaufnahme vor, auf
die die Diskussion ueber die Zukunft des Faches aufbauen koenne.

Diskutiert wurde in drei Teilen: In der ersten Sektion sollte zunaechst
ein Ueberblick ueber die Konzepte und Methoden der Landesgeschichte
gegeben werden. Im zweiten Teil wurden interdisziplinaere Ansaetze der
Landesgeschichte untersucht, hierbei wurden vor allem andere historische
Disziplinen hinzugezogen, so die Kirchengeschichte, die historische
Geographie, die Archaeologie und die juedische Geschichte. In der
dritten
und abschliessenden Sektion wurde die Landesgeschichte im europaeischen
Kontext beleuchtet.

1. Konzepte und Methoden

Die Tagung wurde eroeffnet mit einem Vortrag von Joachim Schneider
(Wuerzburg), der eine ueberregionale Bestandsaufnahme der Programmatik
der
Landesgeschichte zwischen 1970 und 2005 bot. Er verband einen Ueberblick
ueber die Stroemungen der letzten Jahrzehnte mit einem Plaedoyer fuer
die
vergleichende Landesgeschichte. Landesgeschichte solle weniger das
Individuelle als vielmehr das Exemplarische eines Untersuchungsraumes
herausstellen.
Einem dieser Ansaetze, der Regionalgeschichte, widmete Werner Freitag
(Muenster) seine vergleichenden Untersuchungen. Er untersuchte das
Selbstverstaendnis und das Potenzial der Landesgeschichte im Vergleich
zur Regionalgeschichte. Als besonderen Vorteil der Landesgeschichte und
auch als Grund fuer deren "Ueberlebensfaehigkeit" stellte er ihren
Syntheseanspruch sowie ihre Scharnier- und Servicefunktion heraus. Die
Landesgeschichte wirke nicht nur als Scharnier zwischen den Epochen, sie
biete ausserdem fuer einen bestimmten Raum eine "Leitvorstellung", eine
Rahmenerzaehlung oder Theorie. Darueber hinaus habe die Landesgeschichte
eine Servicefunktion fuer die Buerger des jeweiligen Bundeslandes. Die
Regionalgeschichte hingegen bleibe als reine Methode immer der
allgemeinen Geschichte untergeordnet.
Mit der Konstitution der im Rahmen der Landesgeschichte untersuchten
Raeume beschaeftigte sich Joerg Rogge (Mainz). Gibt es, so fragte er,
geographische Grenzen ueberschreitende Raeume, die durch Kommunikation
determiniert werden? Nach einer Darstellung und Synthese historischer
und kommunikationswissenschaftlicher Untersuchungen zu dieser Frage kam
er zu dem Schluss, dass Kommunikation Raum nicht unmittelbar, sondern
nur mittelbar schafft, zum Beispiel wenn Kommunikation gezielt zur
Raumbildung eingesetzt wird. Es sei deshalb immer danach zu fragen, wer
Kommunikation einsetze, mit welchem Inhalt und zu welchem Zweck.

2. Interdisziplinaritaet

Enno Buenz (Leipzig) stellte als Auftakt zur Sektion zu den
interdisziplinaeren Anknuepfungsmoeglichkeiten der Landesgeschichte
Ueberlegungen zum Verhaeltnis zwischen Landesgeschichte und
Kirchengeschichte an. Der Zugriff der Landesgeschichte auf
kirchengeschichtliche Themen erfolge in der Regel ueber die
Institutionen-, die Sozial- oder die Kulturgeschichte, konstatierte er.
Dabei werde bisher vor allem die Pfarrei als Schnittstelle zwischen
Kirche und Welt vernachlaessigt. Insgesamt forderte Enno Buenz eine
staerkere Integration von Kirchengeschichte, Landesgeschichte und
Bistumsgeschichte.
Anschliessend untersuchte Martina Stercken (Zuerich) die Bedeutung von
geographischen Karten fuer Herrschaftskonstitution im Mittelalter, indem
sie kulturgeographische und historische Fragestellungen und Methoden
verband. Anhand von mehreren Beispielen zeigte sie, dass Karten genutzt
wurden, um Herrschaft im Raum zu verorten und den Herrschaftsanspruch zu
manifestieren.
Lukas Clemens (Trier) verwies in seinem Vortrag auf moegliche
Fallstricke
interdisziplinaeren Arbeitens. Er nahm dabei besonders Bezug auf die
historisch-archaeologische interdisziplinaere Arbeit und erlaeuterte das
Beispiel der Landesaufnahmen. Zur korrekten Auswertung und Nutzung, so
seine These, sei die genaue Kenntnis der archaeologischen Methoden von
Noeten, andernfalls koenne es leicht zu Fehlinterpretationen kommen.
Daraus leitete er ein engagiertes Plaedoyer fuer intensiven
interdisziplinaeren Austausch ab.
In ihren Ueberlegungen zum Nutzen der Landesgeschichte fuer die
Disziplin
der juedischen Geschichte machte Sabine Ullmann (Augsburg) deutlich, wie
wichtig erstere gerade fuer die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit
juedischer Geschichte in der fruehen Neuzeit ist. Da in dieser Zeit die
Juden zunehmend aus den Staedten gedraengt wurden und das so genannte
Landjudentum entstand, koenne nur eine regionale Arbeitsweise sinnvoll
sein. In der anschliessenden Diskussion plaedierte Sabine Ullmann
dafuer,
die juedische Geschichte als eigenstaendige historische Disziplin zu
betrachten.

3. Landesgeschichte im europaeischen Kontext

Zu Beginn der dritten Sektion zeigte Christine Reinle (Giessen) Vorteile
und Tuecken der vergleichenden Landesgeschichte im europaeischen Kontext
am Beispiel der Fehdefuehrung im spaeten Mittelalter in Deutschland und
in
England auf. Die Schwierigkeiten, so Christine Reinle, seien haeufig
begrifflicher Art. So habe der Begriff der Fehde bzw. der fewd in
Deutschland und England unterschiedlichen Bedeutungsgehalt: Waehrend in
Deutschland die Fehde einen Rechtscharakter habe, koenne davon in
England
aufgrund des koeniglichen Fehdeverbots keine Rede sein. Dennoch
plaedierte
sie fuer den vergleichenden Ansatz, wuerden sich doch etwa interessante
Ergebnisse beim Vergleich des Verlaufs von Fehden in Deutschland und
England ergeben.
Jean-Luc Fray (Clermont-Ferrant) widmete sich einem internationalen
Vergleich der Institution der Landesgeschichte. Er verglich den
Stellenwert dieser wissenschaftlichen Disziplin in Deutschland und
Frankreich. Er betonte, dass der Begriff der Region in Frankreich kein
systematischer, sondern ein geographischer Begriff sei. In Frankreich,
so seine These, werde aufgrund der zentralistischen Staatsvorstellung
jede eigenstaendige Regionalidentitaet mit Misstrauen betrachtet,
weshalb
sich eine von der Allgemeinen Geschichte unabhaengige Landes- oder
Regionalgeschichte kaum herausbilden koenne. In Deutschland hingegen
diene die regionale Identitaet, gestuetzt durch die Landesgeschichte,
als
Surrogat fuer eine verlorene nationale Identitaet.

Zum Abschluss fasste Michel Pauly (Luxembourg) die Tagungsergebnisse
zusammen. Der Landesgeschichte, so seine These, komme gerade in Zeiten
eines erweiterten Europas grosse Bedeutung zu. Der Euroskepsis vieler
Buerger, die sich etwa in der vielfaeltigen Ablehnung der europaeischen
Verfassung aeussere, koenne mit einer staerkeren Betonung der regionalen
Verwurzelung bei gleichzeitiger Oeffnung fuer das Europaeische entgegen
gewirkt werden.

Insgesamt praesentierte sich die Landesgeschichte als lebendiges,
anderen
Disziplinen gegenueber offenes und international vernetztes
Forschungsfeld. Es wurde deutlich, dass die Landesgeschichte sowohl als
Korrektiv der Allgemeinen Geschichte als auch als Experimentierfeld fuer
neue, innovative Thesen und Theorien weiterhin ihren Platz in der
deutschen inner- und ausseruniversitaeren Wissenschaft beanspruchen kann
und wird.

Die Publikation der Tagungsergebnisse ist fuer Ende 2006 in der Reihe
"Geschichtliche Landeskunde" vorgesehen.

Anmerkung:
[1] Zwischen politischer Begrenzung und methodischer Offenheit. Wege und
Stationen deutscher Landesgeschichtsforschung im 20. Jahrhundert. In:
Peter Moraw/Rudolf Schieffer: Die deutschsprachige Mediaevistik im 20.
Jahrhundert. Ostfildern 2005. =VuF, LXII. S. 252-364.

URL zur Zitation dieses Beitrages
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=871>;


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